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Fedor

 

Kalte Nächte zeigten das Ende des Herbstes an, schon vor ein paar Wochen veränderte sich das Laub der Wälder von einem üppigen Grün zu einem fahlen Gelb. Jetzt strahlt es in tiefem Rot, so als ob sein gewaltiges Aufflammen die Natur ein letztes Mal erwärmen wollte. 

Und doch verkündet diese Farbenpracht das baldige Vergehen, verkündet den Tieren, dass die unbeschwerten Monate vorbei waren, dass eine Zeit der Kälte und des Darbens bevorstand. Schon bald wird es Frost geben, Schnee wird die weiten Flächen der Steppenlandschaft bedecken, sodass die Nahrungssuche beschwerlich und für viele von ihnen unmöglich wird.

Dann wird sich zeigen, wer Reserven hat, wer stark ist und wer sich durchsetzen kann.

 

Fedor war alleine, aber er hörte die Geräusche, die seine Sippe machte, wenn sie von ihren Beutezügen zurück kamen. Er wusste, dass ein Mitglied seiner Familie ihm Fleisch bringen würde, denn  er war von ihnen abhängig.

Das war nicht immer so. Viele Jahre hindurch war er der Clanchef, der Alphawolf, der sein Rudel anführte, der viele Generationen an Nachkommen zeugte, der ihnen alles beibrachte, was für das Leben und Überleben wichtig war.

Zusammen mit seiner Gefährtin beherrschte er ihr gemeinsames Revier, sie verteidigten es vor Eindringlingen und beschützten ihre Jungen. Jedes Jahr, mit jedem Wurf war es immer wieder eine Herausforderung. Spielerisch lernten die Kleinen zu jagen, zu töten, die Hierarchie zu akzeptieren und bei der Aufzucht der nächsten Generation zu helfen.

Es waren schöne Jahre, obwohl mancher Winter so streng war, dass sie hungern mussten, um dann doch mit letzter Kraft ein Reh oder einen Hirsch zu erlegen. Niemals in den Jahren seiner Herrschaft hatte Fedor ein Mitglied seines Rudels durch Hunger verloren und darauf war er besonders stolz.

 

Aber jetzt war Fedor sehr krank und voller Schmerzen. Vor einiger Zeit, als das Rudel einem Hirsch nachjagte, verfing sich Fedor in einer Baumwurzel und brach sich einen Hinterlauf. Sein Aufheulen ließ die anderen vor Schreck das Wild vergessen, besorgt umringten sie ihn und seine Gefährtin stupste ihn immer wieder in die Seite, um ihn zum Weiterlaufen zu bewegen.

Unbeholfen versuchte Fedor, ihnen zu folgen, aber der Schmerz war zu groß. Humpelnd ging er zu einem Dickicht am Waldrand und ließ sich dort nieder. Er wollte sich nur ausruhen, wollte wieder zu Kräften kommen. Vielleicht war er morgen wieder in der Lage, seine Sippe anzuführen.

 

Doch die Tage vergingen und der Schmerz wurde immer heftiger. Das Bein schwoll an und Hitze breitete sich in seinem ganzen Körper aus.

Das Wolfsrudel ließ ihn nicht im Stich. Abwechselnd brachten sie ihm Nahrung, seine Gefährtin legte sich manchmal an seine Seite, um ihn in seinen Fieberanfällen zu wärmen.

Trotz aller Bemühungen wusste sie aber, dass der stolze Leitwolf langsam ans Ende seiner Reise kam.

Fedor wehrte sich dagegen, er war das Leittier, er trug Verantwortung. Das forderte er von sich selber und konnte doch nicht verhindern, dass er aus lauter körperlicher Erschöpfung immer wieder in einen Dämmerschlaf verfiel.

 

Dann träumte er, er träumte sein Leben. Er sah sich als kleinen Welpen, der mit seinen Wurfgeschwistern neugierig aus der schützenden Höhle kam. Taumelnd und doch unhaltbar in ihrer Neugier schnupperten sie die frische Frühlingsluft, überwältigt von den tausenden neuen Gerüchen und Geräuschen in ihrer Umgebung.

Ihre Mutter, nervös vor Sorge, versuchte angestrengt, die Kleinen in die Höhle zurück zu drängen, aber bald waren sie wieder da. Es gab so ungeheuer viel zu entdecken. Fedors Kindheit war eine Zeit, die täglich neue Abenteuer versprach.

Mit jedem Tag wurden er und seine Brüder und Schwestern mutiger und auch frecher. Ihre älteren Geschwister waren tolle Spielkameraden, mit ihnen konnte man wunderbar fangen spielen. Tollpatschige Scheinangriffe, gefolgt von unkontrolliertem Rückzug, bei dem sie meistens übereinander purzelten. Wurde das Spiel zu wild, dann suchten sie Schutz bei ihrer Mutter, ihre Milch sättigte und beruhigte gleichermaßen und wenn ihre Bäuche voll waren, legten sie sich ineinander verschlungen in die Höhle und schliefen tief und fest, um für das nächste Spiel Energie zu tanken.

Schon im Alter von sechs Wochen durften sie feste Nahrung kosten. Ihre Mutter würgte halbverdautes Fleisch aus ihrem Schlund und Fedor und die anderen machten sich hungrig darüber her. Trotzdem schätzen sie nach wie vor noch einige Zeit ihre Muttermilch.

Waren die Eltern auf der Jagd, dann musste mindestens eins der älteren Geschwister auf die Kleinen aufpassen. Das war nicht immer einfach, denn ohne die strengen Eltern nahmen sich die kleinen Wölfe wesentlich mehr Freiheiten heraus als sonst.

Als Fedor ein Jahr alt war, war er beinahe so groß wie sein Vater und man sah jetzt schon, dass er eine Führungspersönlichkeit werden würde. Die älteren Geschwister waren inzwischen geschlechtsreif und verließen die Familie, um sich ein neues Revier zu sichern und ihrerseits eine Sippe zu gründen.

Jetzt war Fedor an der Reihe, jagen zu lernen und sein Rudel zu verteidigen, denn der nächste Wurf war bereits geboren und in spätestens einem Jahr würde auch er abwandern und sein Leben selber in die Hand nehmen müssen.

 

Noch ganz gefangen von seinem Traum holte der sengende Schmerz in seinem Bein Fedor in die Wirklichkeit zurück. Die Luft roch jetzt anders und er sah, dass der erste Schnee des Jahres die unendliche Fläche, die sich vor ihm ausbreitete, lautlos mit einer weißen Decke verhüllte. Fedor war am Rand des Dickichts, unter dem er lag, halbwegs geschützt, aber vereinzelte Flocken verfingen sich schon in seinem dichten Fell.

Er wusste, dass er hier nicht lange bleiben konnte, aber er war einfach zu müde und zu schwach, um diesen Platz zu verlassen. Fedor blickte über die Ebene und sah in einiger Entfernung einen Raben am Boden sitzen.

Er kam ihm irgendwie vertraut vor, aber er wollte jetzt nicht darüber nachdenken, schloss die Augen vor Müdigkeit und träumte von der Zeit, als er seine Gefährtin fand:

 

Schon vor Wochen hatte er sich von seiner Familie verabschiedet, denn sein Instinkt sagte ihm, dass neue Aufgaben auf ihn zukamen, dass er hier nicht bleiben konnte. Das Revier eines Wolfsrudels ist begrenzt und die jüngere Generation musste weiterziehen, um ihren Platz zu finden. Aber so ganz auf sich alleine gestellt, war es doch etwas ganz anderes. Fedor hatte keine Angst, denn er war auf das Leben bestens vorbereitet. Und doch war es ein seltsames Gefühl, ohne die vertrauten Familienmitglieder alleine umherzustreifen.

Lange, nachdem er die Grenzen seines alten Reviers überschritten hatte, roch er einen fremden Wolf. Vorsichtig pirschte er sich in die Nähe des Tieres. Auch der andere Wolf, es war ein junges Weibchen, witterte ihn. Lange umkreiste man sich, belauerte sich und kommunizierte miteinander. Das Wolfsmädchen hatte glänzendes braungraues Fell, ihre Rute hielt sie selbstbewusst waagerecht ausgestreckt und sie hatte kluge gelbbraune Augen.

Auch Fedor zeigte sich von seiner besten Seite. Stolz lief er vor der Wölfin auf und ab und als sie keine Anzeichen machte, ihn zu verjagen oder vor ihm zurückzuweichen, kam er immer näher. Sie beschnupperten sich und bald schon liefen sie Seite an Seite einer gemeinsamen Zukunft entgegen.

Inka war die perfekte Partnerin für Fedor. Sie war eine kluge Gefährtin, eine liebvolle Mutter und die Nachkommen der beiden waren gesund und stark.

Sie sicherten sich ein großes Revier und in all den Jahren mussten sie es kaum verteidigen, denn ihr Rudel war eines der stärksten in der gesamten Region.

 

Inka war es auch, die Fedor jetzt wieder aus seiner Traumwelt holte. Sie hatte ihm ein großes Stück Hirschfleisch gebracht und ermunterte ihn, zu fressen. Fedor hatte keinen Hunger, er fror erbärmlich und so legte sich Inka ganz nahe zu ihm. Ihre Körperwärme half mit, dass sein Zittern aufhörte, aber irgendwann musste Inka wieder zu ihren Jungen.

Fordernd stupste sie Fedor an, wieder und wieder, aber er reagierte nicht auf ihr Drängen. Traurig blickte sie ihn noch einmal an und ging schließlich leise zu ihrem Rudel zurück.

 

Fedor blinzelte in das Schneetreiben und sah plötzlich, dass der Rabe jetzt ganz nahe vor ihm saß. Schwarze Augen, in denen sich die Weisheit des ganzen Universums spiegelte, schauten ihn voller Wärme an. Sein Gefieder glänzte und strahlte, obwohl keine Lichtquelle es beschien. Nicht einmal die Schneeflocken blieben darauf liegen.

Mit einem Mal war Fedor hellwach.

„Wer bist du und was willst du hier?“ rief er dem Vogel in Gedanken zu. „Komm mit mir“, gab ihm der Rabe wortlos zu verstehen.

 

Fedor wunderte sich nicht einmal darüber, dass er mit dem Raben gedanklich kommunizieren konnte. Es war irgendwie völlig normal und selbstverständlich. „Ich kann nicht mit dir kommen, das weißt du.“

„Steh einfach auf“, antwortete der Rabe und wieder sagte er: „Ich möchte dir etwas zeigen.“

Weit hinter dem Vogel hatte sich ein leicht wogender Nebel gebildet. Der Nebel war nicht bedrohlich, sondern von einem irisierenden strahlenden Licht durchzogen, das Fedor jetzt magisch anzog.

„Komm mit mir“, drängte der Rabe. „Es ist Zeit.“

 

Und dann stand Fedor auf. Er hatte bedingungsloses Vertrauen und vergaß seinen Schmerz. Er fühlte sich ganz leicht und es war so einfach, dem Raben, der langsam und bedächtig vor ihm her flog, zu dem Nebel zu folgen. Dann teilten sich die wogenden Schleier sachte vor ihm und Fedor sah in eine Welt, die so schön und friedlich war, eine Welt voller Wärme und Sanftheit.

Staunend blieb Fedor stehen und überblickte eine Landschaft wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Unter einem blauen wolkenlosen Himmel, von der Sonne durchflutet, erstreckten sich unendliche Blumenwiesen, grüne Wälder, plätschernde Bäche, am Horizont konnte er einen Ozean sehen, indem sich die Sonne spiegelte und eine sanfte warme Brise umschmeichelte seine Nase. Menschen und unzählige Tiere, die sich ungeachtet ihrer Rasse und Herkunft über dieses paradiesische Land, an und in den Gewässern bewegten und sich zu unterhalten schienen. Kinder spielten mit Katzen und Hunden, Erwachsene plauderten fröhlich und gingen ganz zwanglos zwischen den Tieren umher. Und ein Frieden lag über dieser Welt, der für alle irdischen Lebewesen unvorstellbar war. Es gab keine Feinde, jeder war der Freund des anderen.

Fedor sah verwundert zu dem Raben hinunter, der ganz ruhig neben ihm saß. Wieder schaute er in diese weisen Augen und der Rabe nickte ihm freundlich zu. „Das ist das Leben, das ich dir bringe, Fedor. Das ist jetzt dein Leben, du musst es nur betreten.“

 

Ja, dort wollte er hin. Er wollte in dieses wunderschöne Land, aber bevor er es betrat, bevor er über die unsichtbare Schwelle in sein neues Dasein ging, schaute Fedor noch einmal zurück. Dort war alles wie vorher. Schneeflocken fielen vom Himmel, weit hinten sah er den Wald, der ihm so viele Jahre Heimat war und Zuflucht bot, in der Ferne hörte er die Geräusche der Natur und er vernahm das Heulen eines ganzen Wolfsrudels, aber er konnte und wollte dieses Heulen nicht mehr deuten.

Nur ein winziges, aber ungewöhnliches Detail fiel ihm noch auf, das er aber auch sofort wieder vergaß, während er glücklich und ohne Schmerzen in sein neues Leben hinüberging: dort unter dem Dickicht war jetzt ein kleiner schneebedeckter Hügel, der von weitem aussah wie ein schlafender Wolf.

 

(Für Iris, Petra und alle guten Geister der  Wolfacademy Volkmarsen, Pokaita)

Mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin Cornelia Jacksch

 

Das Buch " So viel Leben" können Sie unter der ISBN 978-3-85285-220-1 oder bei Amazon

 

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